Die Arbeit an der Hand
Dressurlehrgang in der Reitschule und Gestüt Oberurff

Durch die Reithalle schallt ein „An!“, gefolgt von „Halt!“ und „AdreS!“. Drei junge Friesen schreiten durch den Sand, sie sind auf Trense gezäumt. Neben ihnen gehen ihre Reiter mit einer langen Touchier-Gerte, und geben ihnen Stichworte. Gestütsleiterin und Ausbilderin Sylvia Schädlich beobachtet alles von der Mitte der Halle aus und leitet ihre zwei- und vierbeinigen Schützlinge an. Samstagmorgen, 10 Uhr, der erste Tag des Intensivseminars „Arbeit an der Hand“ oder kurz „Handarbeit“. Sie gehört zum Feinschliff in der Dressurausbildung der Pferde. Denn ist ein junges Pferd eingeritten und beherrscht die Grundgangarten, kann der Reiter beginnen, den Spanischen Schritt und die Piaffe zu üben. Für die Spezialausbildung muss der Reiter wieder absitzen, denn Pferd und Reiter lernen bei der Handarbeit vom Boden aus. Worauf zu achten ist und wie junge und auch ältere Pferde an der Hand gearbeitet werden, hat Sylvia Schädlich sechs Reitschülern in diesem Wochenendseminar gezeigt. „Arbeit an der Hand bringt auch Abwechslung in den Reitalltag und fördert die Kommunikation zwischen Pferd und Reiter“, sagt sie. Zum Einzel- und Gruppenunterricht, aber auch zur privaten Arbeit mit dem Pferd sind Sylvias Lehrgänge eine Ergänzung und Herausforderung für die Reitteams.
Wer jetzt glaubt, Arbeit an der Hand ist Entspannung für den Reiter, der irrt sich. Denn geschwitzt haben alle Teilnehmer. Und das nicht nur körperlich, sondern vor allem im Kopf. Genau so soll das auch sein. Denn schon Alois Podhajsky, ehemaliger Chefausbilder an der Spanischen Hofreitschule in Wien, schreibt in seinem Werk „Die Klassische Reitkunst“: „Vor allem muß darauf hingewiesen werden, daß die Handarbeit ein gutes Hilfsmittel für die Ausbildung ist, aber keineswegs der Schonung und Bequemlichkeit des Reiters dient. Wird sie von diesem Gesichtspunkt aus betrieben, dann ist sie nicht nur wertlos, sondern oft sogar kontraproduktiv. Es muß also einleitend festgehalten werden, daß die richtige Arbeit an der Hand im Anfangsstadium für den Reiter sehr anstrengend ist, denn es gilt doch den Schwung des Pferdes zu erhalten, ja ihn sogar noch zu kultivieren, um ihn dann für die Bewegungen der Hohen Schule – vornehmlich die Piaffe – einzufangen.“

Motivation und Gelassenheit

Mit den Taschen voller Leckerlis marschieren die sechs Lehrgangs-Teilnehmer also Runde um Runde neben ihren Pferden durch die Halle. Jeweils in Dreiergruppen und auch jeweils mit unterschiedlich ausgebildeten Pferden. Wer nicht gerade aktiv in der Bahn ist, beobachtet die Lektion von der Tribüne aus.

Mit der linken Hand fasst der Reiter in den Trensenring und an die Zügelschnalle, in der rechten hält er den äußeren Zügel und die Gerte. Für Pferd und Reiter ist diese Seite in der Regel einfacher zu arbeiten, deshalb beginnt die Lektion auf der linken Hand. Durch die aufrechte Körperhaltung und das Stichwort „An!“ führt der Reiter sein Pferd auf den ersten Hufschlag. Mit dem Stichwort „Halt!“ hält der Reiter sein Pferd wieder an. Ein Leckerli zur Belohnung und auch mal eine längere Pause für Pferd und Reiter erhält die Motivation aufrecht, besonders bei den vierbeinigen Lehrgangsteilnehmern. „Allein der Moment, nur neben dem Pferd zu stehen, ist Balsam für die Beziehung“, sagt Sylvia.

Gar nicht so einfach Körperhaltung, Ansprache, Antippen der Hinter- oder Vorderbeine und das alles gleichzeitig und möglichst auf gerader Linie mit Vorwärtsschub, hinzukriegen. Wichtig während der gesamten Arbeit: Ruhe und Gelassenheit. Denn Aufregung und Nervosität überträgt sich im Team und führt zu Spannungen. Die Arbeit an der Hand wird dann für Pferd und Reiter ein negatives Erlebnis.

Vormittags neben dem Pferd, nachmittags auf dem Pferd

Nach der Mittagspause heißt es für die Lehrgangs-Teilnehmer: Aufsatteln. Im Einzelunterricht arbeiten Pferd und Reiter an ganz verschiedenen Schwierigkeiten. Wie galoppiere ich meinen Friesen sauber an, wie trainiere ich den Schwung in einer Trabphase und wie aktiviere ich die Hinterhand? Auf all diese Fragen haben die Teilnehmer theoretisch und auch praktisch eine Antwort erhalten.

Text: Gabriela Grau